Botschafter Südafrikas übergibt Naturkundemuseum Berlin wertvolle Hominiden-Abgüsse von Australopithecus sediba

12.3.2012

Das Museum für Naturkunde Berlin erhielt am heutigen Montag wertvolles Sammlungsmaterial. Makhenkesi Arnold Stofile, Botschafter der Republik Südafrika, und die „The Cradle of Humankind World Heritage Site“ (Gauteng, Südafrika) übergab zusammen mit der University of the Witwatersrand, Johannesburg, zwei Abgüsse der Hominiden-Vorfahren Australopithecus sediba, die 2010 von einer Paläontologen-Gruppe um Prof. Lee Berger in der Malapa-Höhle 40 Kilometer westlich von Johannesburg gefunden wurden.Die Wahrscheinlichkeit, dass menschliche Knochen als Fossilien Jahrmillionen erhalten bleiben, ist äußerst gering. Insgesamt gibt es gerade einmal 3000 Funde, aus denen 7 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte rekonstruiert werden müssen. „Daher freuen wir uns außerordentlich, diese wertvollen Abgüsse unserer Vorfahren für unsere Sammlungen entgegen nehmen zu dürfen“, so Prof. Dr. Johannes Vogel, neuer Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. „Ich lade alle ein, sich diese einmaligen Objekte bis zum 25. März im Sauriersaal anzusehen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden diese wertvollen Abgüsse eine zentrale Komponente unserer neuen Dauerausstellung zur Menschheitsgeschichte werden“, so Vogel.Australopithecus sediba lebte vor ca. 2 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Südafrika und wurde im Jahre 2010 von der Arbeitsgruppe um Lee Berger erstmals wissenschaftlich beschrieben. Australopithecus sediba stammt vermutlich von Australopithecus africanus ab und weist mehr gemeinsame Zahn- und Knochenmerkmale mit den frühesten Vertretern der Gattung Homo auf als jede andere bisher beschriebene Australopithecus-Art. Australopithecus sediba kann daher als Schwesterart der frühen Homo-Arten interpretiert werden.HintergrundinformationenErstmals beschieben wurde Australopithecus sediba am teilweise erhaltene Skelett Malapa Hominin 1 (MH1). Entdeckt wurde es in der Malapa-Höhle, 40 Kilometer westlich von Johannesburg im Gebiet des UNESCO-Welterbes Cradle of Humankind. Entdecker des ersten fossilen Knochens von Australopithecus sediba - des rechten Schlüsselbeins - war am 15. August 2008 Matthew Berger, der neunjährige Sohn von Lee Berger.MH1 stammt von einem jugendlichen – vermutlich männlichen – Individuum, dessen bleibende große Backenzähne schon durchgebrochen waren und der bereits rund 95 Prozent des Schädelvolumens eines Erwachsenen aufwies. Verglichen mit heute lebenden Kindern spräche dies für ein Alter von 12 bis 13 Jahren. Erhalten sind von MH1 unter anderem der Gesichtsschädel einschließlich zahlreicher Zähne, ein Oberarmknochen, ein Wadenbein sowie diverse Fragmente aus dem Bereich der Wirbelsäule, der Rippen und des Beckens. Für das Innere des Schädels wurde ein Volumen von nur 420 Kubikzentimetern rekonstruiert. Der moderne Mensch hat mehr als 1250 Kubikzentimeter.In weniger als 50 cm Entfernung wurde 2008 das Teilskelett MH2 eines erwachsenen Individuums gefunden. MH2 konnte unter anderem ein einzelner Oberkieferzahn, Unterkiefer-Fragmente sowie ein weitgehend erhaltener rechter Arm zugeordnet werden. Da auch das Schambein sowie weitere Fragmente des Hüftbeins erhalten blieben, konnte MH2 als vermutlich weiblich identifiziert werden. Das Körpergewicht zu Lebzeiten wird auf rund 30 Kilogramm geschätzt.Die mit nur 420 Kubikzentimetern sehr geringe Gehirngröße und die auf nur knapp 1,30 Meter geschätzte Körpergröße von MH1 und MH2 werden in der Erstbeschreibung als Gründe angegeben, die Fossilien als weitere Art der Gattung Australopithecus einzuordnen und nicht als weitere Art der Gattung Homo. 2011 wurde das Alter der Fossilien dann durch Uran-Blei-Datierung auf 1,98 Millionen Jahre datiert. In der Erstbeschreibung wurde angemerkt, dass bisher keine Aussage darüber möglich ist, seit wann und wie lange die Art existierte.Beide Skelette wurden kurz nach ihrem Tod gemeinsam unter Schutt begraben und so vor der Zerstörung durch große Aasfresser bewahrt. Begleitfunde von fossilen Vorläuferarten der Wildhunde, Pferde oder Hasen wurden als Beleg dafür interpretiert, dass alle Tiere zu Lebzeiten in ein Höhlensystem stürzten, durch eindringende Wassermassen an eine tiefer gelegene Stelle gespült und dort unter Gestein verschüttet wurden. Die Fossilien stammen aus einer Epoche, aus der bisher besonders wenige Hominiden fossil bekannt sind: Weniger als aus der Epoche von Australopithecus afarensis (vor 4,0 bis 2,9 Millionen Jahren) und weniger als aus der Zeit vor rund 1,5 Millionen Jahren und danach. Auf ein Alter von 1,9 Millionen Jahre werden zudem auch die ältesten Funde von Homo erectus datiert, dessen Anatomie in vielen Einzelheiten mit der des modernen Menschen übereinstimmt. Die Australopithecus-Funde aus der Malapa-Höhle füllen somit eine Fossilienlücke genau in jener Zeit, in der mit Homo erectus der unmittelbare Vorfahre des Homo sapiens erstmals in Erscheinung tritt. Im Unterschied zu Lee Berger und den anderen Autoren der Erstbeschreibung, die 2010 beide Fossilien als mögliche Übergangsform zwischen Australopithecus und Homo interpretieren, sind andere Wissenschaftler zurückhaltender. Sie argumentieren, dass es sich um einen späten, südafrikanischen Seitenast der Australophitecinen handeln könnte, der neben bereits existierenden Vertretern der Gattung Homo gelebt haben könnte.Auf Grund der spärlichen überlieferten Fossilien weichen die Wissenschaftler in der Interpretation der Funde oft extrem voneinander ab. Jeder neue Fund kann die Hypothese vom Siegeszug des Menschen über die Erde erschüttern. Und so können wir gespannt sein, was die Forschung in Zukunft für uns bereit hält.Weitere Informationen zu den Hominiden-Vorfahren erhalten Sie unter www.macroevolution.net/australopithecus-sediba.html



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Stand: 12.03.2012